Unter dem schönen Namen Kinzigbogen wird auf dem Gelände des ehemaligen Gleisbauhofs in Lamboy ein neues Einkaufszentrum entstehen. Endlich geht es vorran mit der Stadtentwicklung in Hanau. An Wettbewerben und Gutachten war die letzten Jahre schließlich kein Mangel, an Taten schon.
Das Projekt rekultiviert Industriebrachland. Es soll ein Einzelhandelsangebot mit den Schwerpunkten Garten, Bau und Möbel sowie Zweirad angesidelt werden. Zudem entstehen 65 Wohneinheiten. Die Lage ist fußläufig nicht mit der Innenstadt verbunden und somit eine potentielle Konkurenz zu dieser.
Da jede weitere Konkurenz der schwachen und unterentwickelten Hanauer Innenstadt empfindlichen Schaden zufügen würde, versprechen die Befürworter der Kinzigbogens dort nur ein innenstadtverträgliches Sortiment zuzulassen. Zudem sollen 500-800 neue Arbeitsplätze entstehen.
Kommunalpolitisch getragen wird das Projekt von Kleeblattbündnis aus SPD, FDP, BfH und Grünen.
In einem vom Magistrat beauftragten, und von uns allen bezahltem, Gutachten zur Einzelhandels- und Stadtententwicklung vom Frühjahr 2007 wird empfohlen, Hanau von innen nach außen zu entwickeln. Also die Innenstadt zuerst. Im Klartext heißt das erst der Freiheitsplatz, dann der Schlachthof und wenn es dann tatsächlichen Bedarf gibt den Gleisbauhof. Wenn mich nicht alles täuscht, wurde mit diesem Gutachten auch der darmaligen Erwartung der Kommunalpolitik entsprochen.
Herr OB Kaminsky steuerte dann um und begründete dies als politische Entscheidung, welche Gutachten eben nicht ersetzen können. Grunsätzlich ist dies richtig, doch die Entscheidung selbst halte ich für falsch. Mein Eindruck ist es, das der Kinzigbogen kommt, da dies die einfachste wenn nicht einzige Möglichkeit für den OB ist, vor der nächten OB Wahl greifbare Ergebnisse in der Stadtentwicklung vorzuweisen.
Soweit ist es nicht verwerflich den Spatz zu nehmen, wenn die Taube (Freiheitsplatz) auf dem Dach sitzt. Doch ist das Projekt für Hanau tatsächlich nützlich und eine schädigung der Innenstadt ausgeschlossen?
Einen Mangel an Bau- und Gartenmärkten, sowie Möbelhäusern kann ich in Hanau und Umgebung indes beileibe nicht feststellen. Der Fahrradmarkt wird zumindest einem alteingesessenen Händler in Hanau schmerzen. Doch der Kinzigbogen wird Kaufkraft nicht in erster Linie aus der Hanauer Innenstadt abziehen. Er tritt in Konkurenz zu den Märkten in Hanau, Maintal, Erlensee und Gründau. Unterm Strich wird Hanau profitieren und Gewerbesteuern und Arbeitsplätze nach Hanau verlagern. Das mag im Interesse der Stadt sein, zeigt aber, wie wenig Kommunalpolitiker über den Tellerrand schauen. Hier wird eine Industriebrache zum Einkaufszentrum und anderswo wird ein Einkaufszentrum zur Brache. Bis in einigen Jahren eine Umlandgemeinde den Spieß umdreht und mit noch was schickerem die Kunden zurückholt.
Tatsächlich ist der Kinzigbogen ein typisches ‘grüne Wiese’ Projekt. Nur halt nicht auf ner Wiese. 98% der Kunden werden das Einkaufszentrum mit dem Auto anfahren. Eine Erschließung mit öffentlichem Nahverkehr kann nur in Innenstädten effizient gelingen.
Daher ist dieses Konzept aus ökologischer Sicht abzulehnen. Auch wegen des im Prinzip überflüssigen Ressourcenverbrauchs durch ein überflüssiges Einkaufszentrum.
Die Innenstadtverträglichkeit ist auch nicht nachhaltig. Nur die Initialbelegung der Verkaufsflächen kann durch die Politik beeinflußt werden. Bleibt die Hanauer Innenstadt unterentwickelt und wird der Kinzigbogen ein Erfolg, so wird sich nach und nach auch ein, für die Innenstadt typisches, Sortiment dort wiederfinden. (In großen Möbelhäusern erhält man schließlich heute schon ein überaus breites Sortiment. Stellen Sie sich gedanklich z. B. bei Ikea in die untere Etage und denken sich sämtliches innenstadtrelevantes Sortiment weg. Sie stehen in fast leeren Hallen.)
Die 65 Wohneinheiten sorgen nicht für eine Stadtteilintegration der Zentrums. Dazu ist der Wohnanteil in der Gesamtplanug zu gering. Zudem wird erst gebaut, wenn für die Wohnungen Käufer vorhanden sind. Bei der derzeitigen Lage auf dem Markt für Neubauimmobilien in Hanau, wage ich zu bezweifeln, dass es tatsächlich zu der Wohnbebauung kommt.
Gefragt wäre eine Regionalplanung, die dem Streben der Kommunen, die Nachbarn jeweils mit dem ‘hipsten’ Zentrum Konkurenz zu machen, einen Riegel vorschiebt. Gerade Hanau als Oberzentrum muß ein ureigenes Interesse an einer solchen Regionalplanung haben.
Und was sagen die Hanauer Grünen? Als Mitglied im Kleeblattbündnis haben sie dem Gleisbauhof zugestimmt. Laut Fraktionsvorsitzendem Wulf Hilbig will man das Projekt ökologisch begleiten. Zum Beispiel sei eine Dachbegrünung geplant. Wie putzig!
CO2-Bilanz, passiv-Bauweise, Solaranlage und Verkehrsvermeidung sind die Stichworte zu denen wir von regierenden Grünen Taten sehen wollen!
Lesen Sie auch: Kinzigbogen steht gegen Wettbewerblichen Dialog
Links zum Themenfeld:
Gruene Wiese widerspricht Notwendigkeiten des demografischen Wandels.
http://www.hanau.de/imperia/md/content/bekanntmachung/bekanntmachung-2008/aufstellungsbeschluss.pdf
Interessant ist auch ein Rückblick auf die Debatte um den Gleisbauhof vor 6 Jahren. Angelika Gunkel, heute im Rathaus für Umwelt und Agenda21 (Klimaschutz) zuständig, forderte über die Auswirkungen auf das Klima zu diskutieren. Die Ergebnisse dieser Diskussion, welche sie in ihrer heutigen Funktion sicherlich betrieben hat, würden mich sehr interessieren. Da die Grünen dem Projekt zugestimmt haben ist es wohl sicher klimaneutral!? ;-(
http://www.gruene-hanau.de/Presse/FR/2002/FR27022002-01.htm
Auch ein schönes Zitat aus 2002 als CDU und SPD Bündnispartner waren: “Die große Koalition habe schon zu oft Bürgerbeteiligung versprochen, und es habe sich nichts getan, kritisierte FDP-Fraktionsvorsitzender Ralf-Rainer Piesold. Ein Einkaufszentrum dieser Größenordnung sei nur möglich, wenn vorher die Innenstadt aufgewertet werde.”
Die Größenordnung wurde inzwischen deutlich reduziert. Dennoch würde ich Herrn Piesolds letzte Aussage nach wie vor als richtig ansehen.
Hier die Position der Partei ‘Die Linke’:
http://www.dielinke-mkk.de/fileadmin/kvmainkinzig/HU/Presse/PE_Kinzigbogen_25.11.2007.pdf